Mentale Gesundheit

Warum „good vibes only“ nicht nur schädlich für dich ist, sondern sogar Rassismus fördert

Melancholische Frau

Toxische Positivität

Kennst du das, wenn du traurig oder wütend bist und schlaue Menschen dir direkt unheimlich hilfreiche Ratschläge geben?
„Konzentrier‘ dich doch auf das Positive!“
„Anderen geht’s doch viel schlechter!“
„Du bist ja so undankbar, du hast doch tolle Kinder / warst erst im Urlaub…“
„Sei dankbar für das, was du hast!“

Ja, sei dankbar für das, was du hast.

Und abgesehen davon sind diese Ratschläge definitiv mehr „unheimlich“ als „hilfreich“.

Was ist toxische Positivität?

Toxische Positivität beschreibt das konsequente Wegdrücken negativer Emotionen verbunden mit dem Kerngedanken, wir sollten immer alles positiv sehen. Dieses Phänomen beinhaltet außerdem die grundsätzliche Ablehnung von allem, was negative Emotionen triggern könnte.

Wer sich viel mit Social Media beschäftigt, wird häufig auf Zitate wie „Good vibes only“, „stay positive“ oder „happy mind, happy life“ stoßen. Tatsächlich haben Instagram und Co. Die Verbreitung von toxische Positivität vermutlich maßgeblich beschleunigt: Uns wird das perfekte Leben präsentiert, alle sind konstant glücklich und brüsten sich damit, man könne ja immer entscheiden, sich auf das Positive zu fokussieren…

…und wenn du all diese Postings siehst, glaubst du zwangsläufig, dass deine negativen Emotionen ein Makel sind und dass sie auf jeden Fall direkt durch Positivität ersetzt werden sollten. Dir fehlt die Referenz, da kaum jemand negative Aspekte des Lebens öffentlich teilt. Je mehr Zeit du im Internet verbringst, umso häufiger triffst du also auf das „perfekte“ Leben. Das lässt dich dann natürlich zweifeln: Bin ich eigentlich der einzige Mensch, der auch mal traurig oder wütend ist? Was ist falsch mit mir?

Die Antwort ist simpel: gar nichts. Du musst nichts an dir ändern, denn sowohl Wut als auch Trauer und alle anderen negativen Gefühle sind Teil unseres Lebens. Wenn wir sie leugnen, invalidieren wir uns selbst, unsere eigene Wahrnehmung und nicht zuletzt die Realität: Wenn wir alle negativen Aspekte abspalten, bleiben nur die positiven und diese sind nun mal keine vollständige Repräsentation der Welt.

Stelle niemals den Anspruch an dich, perfekt zu sein!

…oder dich immer perfekt zu „fühlen“. Damit untergräbst du deine eigene Authentizität und schottest dich selbst von anderen ab, da du dich nicht gut genug fühlst. Das liegt daran, dass du einem unerreichbaren Ideal nachstrebst.

Was also, wenn du negative Gefühle hast?

Fühle sie. Unsere Emotionen sind wertvolle Signale unserer Psyche, die uns zeigen, dass etwas nicht stimmt. Sie weisen uns auf Missstände hin, die wir dann in Angriff nehmen und langfristig ändern können. So reduzieren wir Stress und zugleich die Gefahr, psychische Erkrankungen wie z.B. Burnout zu entwickeln.

Wo ist da der Zusammenhang?

Ein einfaches Beispiel: Wenn dein Job dich seit Jahren unglücklich macht und du dem begegnest, indem du jeden Tag versuchst, nur das Positive zu sehen, dann wirst du nicht auf die Idee kommen, deine Arbeit zu kündigen oder zumindest deinen Chef zu bitten, dir andere Aufgaben zu delegieren. Dadurch wird sich deine Situation aber auch nie verbessern. Du wirst weiterhin einen Großteil deines Lebens in einer für dich stressigen Arbeitsumgebung verbringen und der Stress wird sich in dir aufstauen bis er Krankheitswert erreicht und eben z.B. als Burnout durchbricht.

Erste wissenschaftliche Studien dazu

Zwei in  Motivation and Emotion veröffentlichte Studien befassten sich erstmals mit Toxic Positivity und den Konsequenzen: Menschen, die ihre negativen Gefühle bewusst wahrnehmen, anstatt sie zu ignorieren, sind psychisch gesünder. Wer zudem anderen gegenüber konstant positives Denken propagiert, potenziert damit negative Gefühle. Das heißt im Klartext: Menschen, die „Good vibes only“-Mentalität anderen aufdrücken wollen, fühlen sich selbst umso schlechter und schuldiger, wenn es ihnen mal nicht so gut geht – immerhin widersprechen sie damit ihren eigenen Tugenden.

Und wie gehe ich nun richtig mit negativen Emotionen um?


Anstatt sie also per se wegzudrücken, wäre es besser, der vorhandenen Emotion ihren Raum zu geben, sie zu fühlen – und zu erforschen, woher dieses Gefühl kommt.

Der Nutzen negativer Emotionen

Es gibt immerhin einen Grund dafür, dass wir evolutionär in der Lage sind, Wut, Trauer und Co. zu empfinden.
Dazu zwei einfache Beispiele:

Wut, die wir uns nicht erlauben zu fühlen, internalisieren wir. Das heißt, wenn wir Aggression einfach herunterschlucken, dann wird diese nicht verdaut sondern bleibt in uns und richtet sich irgendwann gegen uns selbst. Die Psychoanalytik führt dies als Beispiel für die Entstehung von Depressionen an: Wenn das Kind keine Wut gegenüber der Mutter empfinden darf, schließt es diese in sich selbst ein und da es keine Alternative gibt, richtet sich die Wut im Kind irgendwann gegen das Kind selbst.

Trauer geht meist mit Tränen einher. Tränen haben nicht nur die soziale Funktion, unserem Umfeld zu signalisieren, dass wir Hilfe benötigen, sie zeigen uns auch klipp und klar, dass etwas falsch ist. Und sie schwemmen Stresshormone und Toxine aus dem Körper heraus, während sie gleichzeitig die Produktion von Endorphinen (Glückshormonen) anregen. Warum sollten wir uns diesen prima Mechanismus freiwillig entgehen lassen?

Und was hat das nun mit Rassismus zu tun?

Im Rahmen der aktuellen „Black lives matter“-Bewegung haben sich leider viele Blogger dagegen entschieden, dieses politische Thema mithilfe ihrer Reichweite publik zu machen oder ihre Plattform gar für Spendenaufrufe o.ä. zu nutzen. Sie wollten solch „negativen Themen“ keine Bühne bieten.

Auch in meinem Bekanntenkreis erlebe ich manchmal, dass, sobald ich eine Debatte zum Thema Rassismus anstoße, nur genervt mit den Augen gerollt wird. Es wäre doch nun wirklich gut und warum müsse ich immer so politisch sein und wieso kann ich denn nicht einfach mal den Tag genießen.

Aus dem simplen Grund, dass ein großer Teil der Bevölkerung den Tag eben NICHT „einfach mal genießen“ kann.

Ich habe Freunde, die teils täglich Rassismuserfahrungen machen.

Und was wird sich ändern, wenn ich einfach immer an das Positive denke, wenn ich also grundsätzlich nur die Sonne genieße, anstatt mich mit solch „negativen Themen“ zu befassen? Was wird sich ändern, wenn wir alle so reagieren bzw. eben gar nicht reagieren? Genau. Nichts.

Wir invalidieren mit so einem Verhalten außerdem die Erfahrungen Betroffener. Eine „ist doch nicht so schlimm“-Einstellung vermittelt ihnen das Gefühl, ihre Emotionen seien unberechtigt, sie würden überreagieren und ihre Realitätswahrnehmung sei schlichtweg falsch. Ein „Sei doch dankbar für das, was du hast“ propagiert, dass sie sich entscheiden könnten, grundsätzliche gesellschaftliche Probleme zu ignorieren. Wie aber und vor allem warum soll jemand sich damit abfinden, täglich Diskriminierung ausgesetzt zu sein?

Unpolitisch zu sein ist ein Privileg, das nur haben kann, wer weder politisch noch gesellschaftlich benachteiligt wird – jeder andere Mensch wird zurecht versuchen, etwas an der Gesamtsituation zu ändern.

Und meiner Meinung nach haben wir alle, die wir vielleicht auch nicht von Diskriminierung betroffen sind, die Pflicht, unsere Privilegien nicht für selbstverständlich zu nehmen. Und erst recht sind wir dazu verpflichtet, anderen kein positives Denken aufzudrücken – weil es einfach unangebracht ist.

Toxische Positivität ist also nicht nur rassistisch, sie ist auch ganz generell diskriminierend, indem sie für eine Aufrechterhaltung des Jetzt-Zustandes steht und jeder Veränderung entgegenwirkt.

Wer meint, nichts muss sich ändern, der wird auch nichts ändern.

https://www.instagram.com/p/CFhuXuRHbIB/

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